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Interview mit einer Deutschen

In ihrem Personalausweis steht deutsch. Sie ist hier geboren und aufgewachsen. Trotzdem entstehen für eine Berlinerin immer wieder (im wahrsten Sinne des Wortes) befremdliche Situationen - für beide Seiten, weil man "in Deutschland mit dunklen Haaren und dunklerer Hautfarbe oft erst einmal als Ausländer gesehen wird".

Im folgenden Interview spricht S. über ihr Leben und ihre Erfahrungen mit Integration und mit Ausgrenzung.

WiW:   Woher kommst du oder deine Familie?

S.:   Ursprünglich aus Palästina, dem heutigen Israel. Meine Großeltern wurden als Kinder in den Libanon vertrieben und sind dort groß geworden. Meine Eltern sind dort geboren und kamen mit 18 bzw. 16 Jahren nach Deutschland. Meine Geschwister und ich sind in Deutschland geboren und aufgewachsen.

 

WiW:   Das heißt, du bist Deutsche?

S.:   Ja, durch und durch Deutsche. Deutschland ist meine Heimat. Der Libanon ist ein Urlaubsort.

 

WiW:   Was sind Dinge, Eigenschaften, Verhaltensweisen, usw. an dir, die du als deutsch bezeichnen würdest?

S.:   Ich bin sehr pünktlich, das ist eine typisch deutsche Eigenschaft. Und ich plane und organisiere alles bis ins letzte Detail und wenn dann was anders kommt, komme ich total aus dem Konzept. Man könnte auch sagen, ich bin nicht besonders spontan ...

 

WiW:   Warum wirst du dann in Deutschland als Ausländerin oder vielleicht neuerdings manchmal auch als Geflüchtete gesehen, wenn du doch Deutsche bist?

S.:    In Deutschland wird man mit dunklen Haaren und dunklerer Hautfarbe oft erst einmal als Ausländer gesehen. Wenn man dann fließend Deutsch spricht, wundern sich die Leute. Sie haben viele Vorurteile. Eins davon ist, dass Ausländer kein Deutsch sprechen und von Hartz IV leben.

Die Vorurteile sind sehr verfestigt, dabei spielen die Medien eine große Rolle. Gleichzeitig werden die Leute, die integriert sind, die arbeiten gehen, die gut deutsch sprechen, irgendwie unsichtbar, d.h. sie werden einfach nicht mehr als Teil der Gruppe „Ausländer“ wahrgenommen.

Wenn man weiß, dass man dieser Gruppe zugeordnet wird, tendiert man dazu, sich von ihr abzugrenzen, anstatt die Vorurteile herauszufordern. Das heißt, die Vorurteile gegenüber Ausländern bleiben bestehen, obwohl es viele gibt, die überhaupt nicht dem Vorurteil entsprechen. Und es werden immer mehr: Leute, die studiert haben, die Akademiker sind, in allen möglichen Berufsgruppen...

In dem großen Konzern, in dem ich arbeite, sind 50% der Belegschaft Ausländer und es interessiert keinen mehr. Aber früher war das anders. Ich erinnere mich an ein Beispiel, da wurde eine Bewerberin aufgrund des Kopftuch aussortiert.

Obwohl ich glaube, dass es besser wird, wird es in Deutschland noch lange dauern bis alle als gleich anerkannt werden. Aber die Flüchtlingssituation heute bedeutet, dass sich die Deutschen sich damit mehr und mehr auseinandersetzen müssen.

 

WiW:   Wie verhalten sich die Deutschen, die denken, du seist Ausländerin?

S.:   Ich werde schräg angeguckt. In einigen Gegenden in Berlin und vor allem auch in Brandenburg. Wir sind halt dunkler. Und besonders wenn man an seiner Kultur festhält wird man schief angeschaut. Ich zum Beispiel bin Muslima und meine Mutter trägt Kopftuch. Am Anfang fanden das meine Nachbarn sehr schwierig.

Vielleicht ist es nicht das schlimmste, was einem passieren kann, denn sonstige Reaktionen bekomme ich eigentlich nicht. Aber es ist auch nicht schön, dauernd so angeglotzt zu werden. Und dann immer mit dieser Überraschung über etwas, das für mich völlig selbstverständlich ist, nämlich die Deutschkenntnisse konfrontiert zu sein...

Die Deutschen, also vor allem ältere Menschen in Deutschland, weniger die Jungen, die kategorisieren und urteilen sehr schnell; stecken einen in Schubladen. Man sieht es rattert in den Gehirnen, dann wirst du abgestempelt. Danach muss man dann sehen, wie es weitergeht, aber erst einmal wird man abgestempelt. Auch bei Namen. Wenn man erst einmal als Ausländer abgestempelt ist, hat man immer die Bringschuld nachzuweisen, dass man nicht so ist, wie einem unterstellt wird.

Manchmal tut man das. Aber manchmal lehnt man sich auch dagegen auf. Mir ist es mal passiert, dass ein junger Lehrer seine Diplomarbeit in der Schule meiner Kinder geschrieben hat, und zwar über Kinder mit Migrationshintergrund. Und da steckte doch glatt in der Forschungsmethode die Grundannahme drin, dass Kinder mit Migrationshintergrund schlechter von ihren Eltern gefördert werden als andere Kinder. Die Methode hat also ein objektives Ergebnis unmöglich gemacht und stattdessen unvermeidlich dazu geführt, dass nur vorher bestehende Annahmen, also Vorurteile, bestätigt wurden. Da habe ich natürlich nicht mitgemacht und mich auch bei der Schule beschwert.

 

WiW:   Wie fühlt es sich an, so behandelt zu werden?

S.:   Es macht mich traurig. Ich bemühe mich wirklich, ich mache so viel und trotzdem werde ich abgestempelt. Immer wieder.

Manchmal habe ich auch Mitleid, weil diese Menschen in so einer tolle Stadt leben, so viele Möglichkeiten haben, über andere Länder zu lernen, aber sie nehmen es nicht wahr. Die Leute kapseln sich ab. Die Ängste beruhen ja auf Medienbildern von Negativbeispielen.

Man fühlt sich nicht anerkannt. Für die Araber bin ich zu deutsch, für die Deutschen bin ich nicht deutsch.

Mein Mann hat sich in Pankow, wo wir wohnen, anfangs sehr unwohl gefühlt. Inzwischen gibt es hier auch viele Ausländer. Da findet schon ein Wandel statt. Auch Deutsche werden hier manchmal von den Leuten, die schon immer da wohnen, als Ausländer gesehen, z.B. meine Nachbarin, die aus Nordrhein-Westfalen kommt.

 

WiW:   Was würdest du Deutschen, die dir diese Gefühle geben, gern sagen?

S.:   Dass sie nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren sollen. Dass sie offen für Neues sein sollen, weil es auch gutes Neues gibt. Klar muss man nicht alles Neue annehmen, aber man darf auch nicht einfach alles ablehnen.

 

WiW:   Warum, glaubst du, verlaufen Diskussionen und existieren Vorurteile über Flüchtlinge, und Ausländer ganz allgemein, in Deutschland so wie sie heute und seit Jahrzehnten verlaufen?

S.:   Das hat mit unserer deutschen Persönlichkeit zu tun. Wir sind immer erst einmal zurückhaltend oder zurückgezogen. Allem, inklusive allem Neuen, stehen wir erst einmal skeptisch und kritisch gegenüber. Nur wenn sicher ist, dass keine Gefahr von einer Person ausgeht, wird sie angenommen. Das heißt auch, dass die Erwartungshaltung ist, dass der oder die Andere beweisen muss, dass er oder sie nicht gefährlich ist.

Natürlich ist das so sehr allgemein formuliert; allgemeiner als es in der Realität zutrifft. Bildung spielt auch eine Rolle beim Urteile-Treffen, weil sie eine große Rolle bei der Einschätzung der Medienbilder spielt. Nicht alle Deutsche denken so; meist sind es die, die noch keinen persönlichen Kontakt hatten. Da ist ein Wandel erkennbar, weil es inzwischen so viele Menschen in Deutschland gibt, die einen anderen Hintergrund mitbringen.

 

WiW:   Hast du schon Flüchtlinge persönlich kennengelernt?

S.:   Ja. Ich habe Einigen geholfen, Formulare auszufüllen und diverse Termine für sie ausgemacht. Die Stellen, mit denen ich da zu tun hatte, waren total erleichtert weil ich deutsch spreche. Denn zum Beispiel die Leute in den Ämtern sprechen ja nicht einmal englisch, ganz zu schweigen von anderen Sprachen, die derzeit benötigt werden. Da ist es natürlich für alle Beteiligten wahnsinnig schwer, Behördengänge, Arztbesuche, usw. vernünftig über die Bühne zu bringen. Deshalb habe ich den Geflüchteten geholfen.

Aber ich habe wenig Zeit. Mein Mann hat die Sachen mitgebracht. Er ist auch „Ausländer“ mit einer ähnlichen Familiengeschichte wie ich. Über Facebook hat er Syrier kennengelernt, und die hatten um Hilfe gebeten. Einmal war zum Beispiel eins der Kinder am Sonntag krank geworden und sie wussten nicht, wo sie ärztliche Hilfe bekommen können. Da haben wir ihnen geholfen.

 

WiW:   Wo könnte man ansetzen, um es beiden Seiten – den Deutschen und den Geflüchteten – einfacher zu machen, einander unvoreingenommen kennen zu lernen?

S.:   Ich erzähle mal, wie ich es häufig mache: Deutsche Nachbarn einfach mal einladen, zeigen, wie wir leben, arabisches Essen vorbeibringen, zum Probieren. Man muss da recht selbstbewusst auftreten. Aber solche Sachen sagen den Menschen, dass sie keine Angst haben müssen. Deshalb finde ich auch eure Idee mit den Begegnungscafés gut. Kultur näher bringen hilft. Dann können die Menschen das Neue bessere einordnen. Und Gewöhnung hilft. Meine Nachbarn haben zum Beispiel meine Mutter inzwischen voll akzeptiert, sie grüßen sie und plaudern mit ihr. Manchmal braucht es kleine Schritte und Zeit.

 

WiW:   Vielen Dank für das offene Gespräch!