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Interview mit einem Mitglied unserer Initiative

Diesmal erzählte uns ein Mitglied der Initiative von ihren Erfahrungen und ihrem Engagement für Flüchtlinge - über die politische Situation, Berührungsängste und Freundschaften.

Willkommen in Wustermark:   Wie lange sind Sie schon in der Bürgerinitiative aktiv?

Frau L.:   Seit November. Meine Aufmerksamkeit wurde durch die öffentliche Informationsveranstaltung geweckt. Ich wollte einfach nur mal reingucken. Das war nämlich so: Meine Mutter hat ziemlich gedrängelt, dass das doch etwas für mich wäre. Dabei war ich erst zurückhaltend. Das geht sicher Vielen so. Aber sind wir dann doch zusammen zum Info-Abend gegangen. Die Initiative hat mich ja auch interessiert. Und dann wurde dort eine Einladung ausgesprochen, an alle Leute die Fragen und Anregungen haben. Wieder fanden Andere, inklusive meiner Mutter, dass ich aufgrund meiner Auslands- und anderen Erfahrung doch gut dazu passen würde. Mein Hauptbedenken war, dass ich meine politischen Ansichten nicht so zur Schau tragen wollte. Beim Info-Abend waren ja nicht nur positive eingestellte Leute anwesend, sondern auch welche, die ziemlich skeptisch waren oder sogar solche, die politisch genau gegenteilig eingestellt sind wie ich. Man will sich ja nicht zur Zielscheibe machen. Ab dem ersten Initiativen-Treffen war das anders. Einige, die dabei sind, kannte ich schon, sodass ich wusste, dass sie ok sind.

 

WiW:   An welchen Aktivitäten der Initiative haben Sie bisher mitgewirkt?

Frau L.:   Ich habe einen inoffiziellen Sprachkurs gegeben. Ursprünglich wollte ich auch beim Willkommensordner mitmachen, aber das hat dann nicht geklappt. Darüber hinaus habe ich sehr früh einfach generellen Kontakt mit den Menschen im Heim gesucht. Ich bin eher so ein Typ, der verschiedene, nicht immer durchorganisierte, Dinge gleichzeitig tut. Es muss ja nicht immer alles organisiert sein; ich bin spontan. Oft habe ich nach dem Sprachunterricht noch mit praktischen Alltagsfragen oder irgendwelchen Informationen geholfen.

 

WiW:   Wie finden Sie die Zeit für diese Arbeit?

Frau L.:   Eigentlich hat man nie genug Zeit. Aber man sollte nicht daran denken, dass man nicht so viel Zeit hat, denn die Erfahrungen die man macht sind viel mehr wert, als die Zeit, die man einsetzt. Man bekommt eine andere Perspektive, ein anderes Verständnis über sich selbst und eine kulturelle Offenheit und Akzeptanz gegenüber anderen ethnischen und religiösen Gegebenheiten.

 

WiW:   Warum finden Sie es wichtig, sich zu engagieren?

Frau L.:   Gerade jetzt sind wir an einem Punkt, an dem man sich vor dieser Sache nicht verstecken kann. Die Ereignisse sind extrem. Wir müssen uns alle damit auseinandersetzen. Die Flüchtlingssituation betrifft ja auch unsere Zukunft – in Deutschland, aber auch weltweit. Wir können das nicht verdrängen. Verdrängen ist keine Lösung. Leider wird Verdrängung in Deutschland immer noch viel praktiziert. Nichts anderes ist doch dieser Rückzug ins eigene Haus, ins Private. Damit, wie wir Deutschen das gern tun, konnte ich mich noch nie arrangieren.

 

WiW:   Wie passt das, was Sie da sagen zur Willkommenskultur in so vielen Orten in Deutschland und zur deutschen Politik in dieser Frage?

Frau L.:   In anderen Ländern, habe ich den Eindruck, die Abschottung geht von der dortigen Politik aus und nicht von den Leuten. In Osteuropa, zum Beispiel, glaube ich, dass viele Menschen auch ausgewandert sind und dass es dort sowohl ein Verständnis für Neuanfang als auch für die Notwendigkeit neue Leute ins Land zu bringen gibt, v.a. auch Leute, die sicher stellen, dass es keine Rückkehr gibt zu früheren Politik- und Gesellschaftsformen. Andererseits gibt es dort natürlich auch Ängste, weil die Menschen oft in der Vergangenheit wenig hatten und es jetzt schwierig ist, mit Neuankömmlingen zu teilen. In Deutschland wird tendenziell auch nicht geteilt, aber in den letzten 10-20 Jahren gab es ja schon eine gewisse Durchmischung von Bevölkerungsgruppen, sodass das jetzt schon etwas entspannter ist, als es früher war. Zumindest hoffe ich das. Natürlich braucht Veränderung auch in Deutschland viel Zeit. Das sehe ich auch an vielen Reaktionen auf die Flüchtlingsfrage und unsere Arbeit hier in Elstal und Umgebung. Aber, wenn wir Willkommensinitiativen uns nicht kleinkriegen lassen, können wir etwas erreichen. Es wird nicht leichter, und es werden auch nicht in kurzer Zeit Wunder geschehen, aber man kann schon auf einander zugehen und vielleicht Andere begeistern und sie bewegen, ihre Augen zu öffnen. Worum es mir geht, ist ein Appell an die Menschen zur Mitwirkung an der Gesellschaft, in der sie leben. Es ist wie beim Wählen: wer sich nicht beteiligt, kann sich nicht beschweren, wenn ihre oder seine Ideen nicht vertreten werden. Wir sollten nicht alles der Politik überlassen, sondern die Verantwortung übernehmen, dass wir einen Großteil unserer Zukunft selbst gestalten. Das war auch 1989 so. Und jetzt sind wir wieder dran: wir zeigen wer und wie wir wirklich sind. Wir werden alle, die kommen, willkommen heißen. Es wird nicht immer alles klappen, was wir uns vornehmen, und es wird auch die geben, die das ausnutzen, aber es werden die Ausnahmen sein.

 

WiW:   Was versuchen Sie, mit Ihrer Arbeit in der Initiative zu erreichen?

Frau L.:   Ich konnte mich der Situation nicht mehr entziehen, und wollte das dann auch nicht mehr. Mein Fokus ist nicht, dass ich etwas gegen Rechts tun muss. Das ist zwar wichtig, aber für mich war es wichtig, auf die Menschen zuzugehen, die hierher kamen. Ich wollte eine Brücke zu schlagen: ihnen helfen zu verstehen, wie hier alles funktioniert. Unser Land ist sehr komplex und sehr bürokratisch. Das ist für Menschen aus anderen Ländern, wo es nicht so ist, oft befremdlich und beängstigend. Mein Mann kommt auch aus einem anderen Land. Er sagt immer zu mir, wenn er nicht mit mir hierher gekommen wäre, wäre er nicht in Deutschland geblieben; er fand die ganze Bürokratie so einschüchternd. Und ich verstehe ihn auch. Ich hatte ja auch im Ausland gelebt und fand es schwierig, mich mit diesem Land zu identifizieren. Ich habe anfangs sogar meine Identität und meine Herkunft versteckt. 15 Jahre lang wollte ich unter keinen Umständen wieder nach Deutschland kommen. Es war einfach nicht das Land, in dem ich leben wollte, weil es so funktioniert, wie es funktioniert. Aber ich bin nicht sicher, ob man sich langfristig verstecken kann. Und irgendwann kommt vielleicht auch bei den heutigen Flüchtlingen eine Identitätswandlung. Da kann ich dann mit meinen Erfahrungen wieder ansetzen und unterstützen.

 

WiW:   Was, würden Sie sagen, ist ihre größte Leistung bisher in dieser Arbeit?

Frau L.:   Meine größte Leistung in diesem Kontext ist, dass ich jemanden, von dem ich dachte, dass er in seiner Meinung und seinem Standpunkt eingefahren war, dahinführen konnte, dass er selbst seine Position in Frage gestellt hat und gemerkt hat, dass man seine Vorurteile loslassen sollte; einfach einmal auf einander zugehen und sehen ob man nicht zusammen kommt. Das kam hauptsächlich dadurch zustande, dass ich meine Überzeugung gelebt habe; Diskussion war nicht erwünscht. Aber ich habe trotzdem immer wieder Informationen geteilt, weil es für mich so wichtig war und ich mit Menschen, die mir nahe stehen, auch über die Dinge sprechen können muss, die mir wichtig sind. Ich würde also sagen, die andere Seite meiner größten Leistung in dieser Arbeit war, dass ich mich nicht habe beirren lassen, und meine Aktivitäten weitergemacht habe, obwohl zu Hause ein gewisser Widerstand und ein gewisses Unverständnis herrschte.

 

WiW:   Was ist das Schwierigste an dieser Arbeit?

Frau L.:   Natürlich war der Widerstand zu Hause schwierig. Aber ebenso schwierig war auch die emotionale Seite dieser Arbeit, auf die man sich einlässt. Denn es sind schon komplexe Problematiken, mit denen man sich konfrontiert. Als jemand der gern auf Menschen zugeht, bedeutet das leider auch, dass ich oft die Probleme Anderer als meine Probleme annehme, die ich lösen muss. Ich war zum Bespiel in der letzten Zeit zweimal krank – schlicht, weil ich mir zu viel zugemutet habe. Das bedeutet, ich muss da an mir arbeiten. Aber ich kann es auch nicht lassen. Ich würde das immer wieder tun. Ich weiß das. Und ich würde mich auch nicht von anderen davon abhalten lassen. Dennoch muss man da auch auf sich selbst aufpassen. Was man aber nicht vergessen sollte, wenn man die Flüchtlingshilfe betreibt, ist, dass man nicht alleine ist. Es gibt immer eine ganze Reihe andere Mitglieder unserer Initiative, die ich anrufen und einbinden kann – die, jeder auf seine Weise, mitwirken und mit denen ich mir die Aufgaben teilen kann. Und das nehme ich auch wahr.

 

WiW:   Würden Sie sagen, dass diese Art der Zusammenarbeit aus der Not geboren ist, dass Sie auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sind?

Frau L.:   Natürlich kommt uns die gegenseitige Unterstützung in der Praxis zu gute. Aber ich glaube, sie ist ein natürlicher Bestandteil unserer Arbeit. Da keiner von uns diese Arbeit Vollzeit macht oder machen kann, wissen wir, dass wir nur dann langfristig mitwirken und wirklich etwas erreichen können, wenn wir die Gemeinschaft, die Initiative, nutzen, um zusammen diesen Weg zu gehen. Viele wollen vielleicht nicht den direkten Kontakt mit den Betroffenen. Die besuchen dann eben nicht mehrere Abende pro Woche das Flüchtlingsheim. Das ist in Ordnung so. Manche haben besonderen Spaß daran zu basteln, zu malen und mit den Kindern zu spielen. Die bieten dann eben einen regelmäßigen Spielenachmittag an. Und wieder andere setzen sind ein, wo immer gerade Unterstützung benötigt ist: bei Einkaufsfahrten, beim Formulare-Ausfüllen, etc. Jeder kann etwas beitragen, je nach dem, was seine oder ihre Stärken und Schwächen sind, was sie oder er tun kann und will. Wir ergänzen uns. Und dann können wir etwas schaffen. Wenn wir uns aber selbst zu sehr oder sogar gegenseitig unter Druck setzen, gibt es über kurz oder lang nur Frust. Dann ist unser ganzes Anliegen in Gefahr.

 

WiW:   Was würden Sie den Menschen sagen, die Berührungsängste haben?

Frau L.:   Bei mir in der Nachbarschaft gibt es eben so ein Beispiel. Eine Bekannte sagte mir, dass sie gern mithelfen würde, sich aber nicht traut. Da habe ich ihr angeboten, gemeinsam zum nächsten Begegnungscafé zu gehen. Dann hat sie Rückhalt, weil sie weiß, dass ich da bin – jemand den sie kennt, der notfalls bei Gesprächen vermitteln kann. Es ist immer gut, wenn man vertraute Menschen um sich hat, die ggf. auch erkennen, wenn es einem reicht. Einfach mal aus sich rausgehen, ist mein Ratschlag. Einfach mal beim Café vorbeikommen, gern auch mit ein paar Freunden. Die meisten der Leute bei unserer Initiative sind total ok. Die Flüchtlinge genauso. Und man kann ja auch danach wieder nach Hause gehen. Es muss ja nicht jeder jeden Tag mit den Flüchtlingen verbringen.

 

WiW:   Haben Sie denn gar keine Berührungsängste?

Frau L.:   Natürlich habe ich die; die haben wir alle. Sie sind ganz normal, sogar innerhalb und gegenüber der Initiative. Die Flüchtlinge haben übrigens auch Berührungsängste. Die haben auch noch oft sehr schlimme Erfahrungen im Hintergrund, aber sie suchen trotzdem den Kontakt mit Menschen in ihrer neuen Umgebung. Generell finde ich, man sollte seine Ängste konfrontieren, weil man sonst ja Lebensqualität verliert, weil man dann von seinen Ängsten regiert wird. Ich konnte zum Beispiel nie in der Öffentlichkeit vortragen bis ich es einmal tun musste. Ich hatte panische Angst. Als die erste Angst vorüber war, ging es einfach weiter. Ich habe gemerkt, dass es doch nicht so schlimm ist. Die Leute wollen einem ja nichts Böses. Danach war ich erleichtert und froh, dass ich den Schritt getan habe, weil ich gesehen habe, dass ich meine Grenzen durchbrechen kann und etwas leisten kann, was ich nie gedacht habe. Da fühlt man sich so ein bißchen wie Superman.

 

WiW:   Glauben Sie, aus der Flüchtlingsarbeit  können echte Freundschaften entstehen, selbst wenn man Verständigungsschwierigkeiten hat, nicht weiß wie lange die andere Person in Deutschland sein wird, und die Ausgangssituation der beiden Menschen so unterschiedlich ist?

Frau L.:   Doch, solche Freundschaften sind schon möglich. Ich sehe auch nicht, dass die Flüchtlinge das schwierig finden könnten, denn ohne solche Freundschaften hier können sie sich auch nicht in Deutschland integrieren. Freundschaft und Hilfe sind nicht dasselbe, aber aus Hilfe wird Freundschaft. Man hilft und merkt, dass man auf derselben Wellenlänge ist. Man hilft ja, weil man dieser Person helfen möchte. Man muss ja in der Lage sein, sich mit der Situation und der Person zu identifizieren. Aber das ist doch eine gute Grundlage für Freundschaft. Vor allem, wenn man merkt, dass die Hilfe, die man gibt, ankommt und geschätzt wird. Und dann merkt man, dass man sich mit der Person identifizieren möchte. Auch aus solchen Situationen können sich Freundschaften entwickeln. So etwas geht nicht nur bei Arbeitskollegen oder Bekannten, die man in ähnlichen Situationen kennen lernt. Wenn man anfängt, sich gegenseitig als Personen wahrzunehmen, dann trifft man sich auf derselben Ebene. Die Hilflosigkeit und schwierige Situation darf einen nicht abschrecken, man muss die Leute kennenlernen. Und wenn eine Situation sich mal komisch anfühlt, kann man das relativ leicht lösen, indem man ein bißchen die Führung übernimmt. Da braucht man keine zusätzlichen Fähigkeiten, außer die, die man in der Kommunikation mit jedem Menschen braucht. Wenn man sich anderen gegenüber einfach so verhält, wie man selbst gern behandelt werden möchte, dann ist das eine super Grundlage.

 

WiW:   Vielen Dank für dieses spannende Gespräch!